Agnes Aulbach - "Imbißhalle" Seltersweg

Mutti in der Wurstbude Gießen Seltersweg/Ecke Plockstraße ca. 1951-1952

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

links Frau Kratz aus Niederohmen (Tochter von Wochenmarkt-Metzger Kratz, der uns die besten Würstchen worldwide lieferte). Frau Kratz sorgte für diese Wurstbudenfotos. Dieses stammt von ca. 1950-51. Mutti’s Sohn ist hier ca. 10 Jahre alt.

in der Mitte ich, rechts dahinter meine Mutter

 

 

 

 

 

 

 

 

Dies ist wohl eines der ersten Fotos der Wurstbude. Man erkennt dies beispielsweise daran, daß sich noch keine Zigarettenreklamen an der Vorderfront befinden. Das Foto stammt schätzungsweise von 1950-51. Rechts ist das Wurstbudchen (“Wurst-Bar”) von Herrn Plaumann, Sein Sohn verkauft auch jetzt noch (2013) Würstchen im Seltersweg (gegenüber vom traditionellen Eis-Cafe Dolomiten - gibt’s jetzt auch schon nicht mehr - Anm. 2014). Die Bratwürste dort sind ausgezeichnet - vom würzigen Geschmack her so die Richtung Thüringer Bratwurst. - Unterhalb der rechten Fensterklappe befindet sich bei uns ein Plakat, das die diversen Filme des Monats im “Lichtspielhaus” und im “Gloria” auflistete. Deswegen hatten wir immer auch 2 Freikarten. Im Hintergrund befinden sich die Motorräder von Herrn Plaumann, der aus Lollar kam und jeden Werktag diese Strecke mit dem Motorrad hin und zurück fuhr. - Das Grundstück gehörte “Jul.Bach”, der früher (“vorm Kriech”) an dieser Ecke ein wunderbares, bürgerliches Porzellangeschäft hatte. Ca. 1952-1953 mußten wir uns einen anderen Platz suchen, weil Jul.Bach hier einen großen Neubau hinstellte - ebenfalls wieder mit Porzellangeschäft. - Wir landeten dann neben “Uhren Balser”, ein paar Hausnummern weiter Richtung “Kaufhaus Karl Kerber”.

 

 

Wurstbudchen-1950-560

 

 

 

 

 

Wurstbude Seltersweg/Ecke Plockstraße. Man beachte im Hintergrund rechts das Schild “Bach”. Derselbe war Besitzer des Grundstückes auf dem die Wurstbude stand. Später baute er sein Haus an dieser Ecke wieder auf - mit einem Porzellanwarenladen unten drin - und wir mußten weichen. Glücklicherweise fanden wir einen Platz 100 m weiter (späterer Kerber-Treff). Man beachte weiterhin das große Haus im Hintergrund. Darin befand sich eine der bedeutendsten Gießener Kultureinrichtungen dieser Zeit, nämlich das UC (Universitätscafé). In zwei Stockwerken war dort außer dem Café noch Tanz und Kinder-Fasching und Amis (mit Flipperautomaten, Musicbox usw.).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mutti in der Wurstbude Seltersweg/Ecke Plockstraße. Man beachte die Reklameschilder: in der Mitte “Ihring Melchior Bier”. Links die damalige neue Zigarettenmarke “Texas”. Dann die alte “Ova” und rechts neben der Bierreklame die für mich als Kind interessanteste Zigarettenmarke “Liberty”: Zu ihr gab es in kleinen Heftchen ein für uns Deutsche damals völlig neuartiges Gebilde, nämlich (amerikanische) Comic-Strips mit ‘Old Joe’, die mir und meiner Mutter ausnehmend gut gefielen. - Rechts daneben dann die Zigarettenmarken “Collie” , “Zuban” und nochmals “Texas”.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bürokratische Schikane durch das Gewerbeamt 1955:

 

 

 

 

Einiges zur Geschichte der Wurstbude:

 

Guten Abend Herr Aulbach,

ich heiße Marcus Damm bin 36 Jahre alt und interessiere mich schon seit längerer Zeit für die Giessener Stadtgeschichte, alles was ich über die Stadt weiss, habe ich mir angelesen oder anderweitig durch erfragen und so weiter angeeignet. Durch Zufall bin ich auf ihre sehr gut gemachte Seite gekommen und habe mit großer Aufmerksamkeit die Handgezeichneten Pläne vom Bereich Teufelslustgärtchen studiert, dabei ist mir die Wurstbude ihrer Mutter aufgefallen, jetzt zu meiner Frage, stand die Wurstbude etwa dort wo heute die DM-Drogerie oder der Juwelier Balser war?? Als Kind war ich mit meiner Oma öfter bei Fuhr um einige Sachen für meine Eisenbahn zu kaufen, danach ging es immer noch an diese Würstchenbude im Seltersweg, komischerweise konnte mir niemand, weder mein Vater noch die Oma genau sagen wo diese Bude stand, ich kann mich nur noch düster daran erinnern, sie stand etwas zurück versetzt auf einem Grundstück und am Anfang des Grundstückes war ein Lattenzaun, die Bude kam etwa Ende der 70er Jahre dann weg. Habe ich etwa bei ihrer Mutter noch Bratwürstchen gegessen???

 Freue mich auf eine Antwort von ihnen, vielen Dank.

Marcus Damm [07.12.2008]

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Mittwoch 10.12.08

Sehr geehrter Herr Damm,

Recht vielen Dank für Ihre freundliche Email! Insbesondere freut es mich, daß Sie den Plan vom Teufelslustgärtchen genauer studiert haben. Das Geschichtsinteresse am alten Gießen ist doch ein interessanter Tatbestand. Darf ich fragen, wie Sie dazu gekommen sind?

Nun zu Ihrer Frage.

Daß Sie unsere Wurstbude kannten, halte ich für ausgeschlossen, da wir mit unserer Bude im Jahre 1960 von Herrn Kerber, der inzwischen das Grundstück im Seltersweg neben dem Uhren-Balser von Herrn Freund für 50.000 DM gekauft hatte, gekündigt wurden. Der Juwelier Balser bestand  mit seinem damaligen Neubau in den 50er Jahren schon. Das Kaufhaus Kerber (1950 als dieser Rundbau Ecke Neuenweg erbaut) war sehr an Balsers Grundstück bzw. neuem Gebäude interessiert, aber der verkaufte nicht, weil er was gegen diese großen Kaufhäuser hatte. Somit konnte Kerber auch nicht viel mit dem neu erworbenen Grundstück neben dem Uhren-Balser anfangen, wo wir früher drauf standen. Kerber wollte wohl was Durchgehendes errichten. So wie Karstadt das auch machte oben am Selterstor. Zunächst stand das Grundstück ein paar Jahre leer. Man hatte uns also (meiner damaligen Ansicht nach) umsonst gekündigt. Doch dann war da - meines Wissens -  irgendwann (ich weiß es leider nicht ab wann) als Provisorium sowohl ein größerer Gemüsestand (links) als auch eine neue, sozusagen offiziöse Wurstbude (ganz rechts vom Seltersweg aus betrachtet). Wahrscheinlich haben Sie diese Wurstbude in Erinnerung. Später dann, ich glaube Ende der 80er oder Anfang der 90er Jahre (ich muß mal meine Frau fragen, die weiß das genauer), entstand auf genau diesem Grundstück der "Kerber-Treff". Unser Wurstbuden- Grundstück war in den 50er Jahren ein leergeräumter freier Platz. Außer uns gab es noch Wistrup mit Obst und Gemüse, direkt am Balser-Haus, dann noch Hockels mit  einem Zeltstand mit Herdputz, Rasierklingen usw. Vom Seltersweg aus betrachtet wurde das Grundstück umrahmt rechts von einer imposanten hohen Ruine, wo das Stahlgerippe noch stand, und links vom neu erbauten Uhren-Balser. Wie lang diese Ruine noch stand, weiß ich leider ebenfalls nicht mehr. Jedenfalls 1960 stand sie noch. An diese Ruine schloß dann weiter rechts im Seltersweg ein Grundstück an, wo früher vor dem Krieg "Schwab's Weinstuben" waren. Nach dem Krieg war das Lokal mit diesem Namen als Baracke eine Hochburg von Ami-Kneipe, die 1949 von der MP (Military Police) für "Off Limits" (Zutritt verboten) erklärt wurde (mit entsprechendem Schild an der zugenagelten Tür). Es muß sich da also erheblich einiges an Remmidemmi und Schwarzmarkt abgespielt haben.  Dann schloß sich neben diesem Grundstück diese kleine Gasse an, die auch heute noch existiert, die "Maigasse".

Vor dem Krieg war auf unserem Wurstbuden-Grundstück der "Lotzekasten" - ein sehr bekanntes Gießener Lokal. Wir wurden in der Wurstbude, damals nach dem Krieg, oft danach gefragt: "Hier stand doch früher der Lotzekaste?!" - Er gehörte der Familie Freund.



Wir befanden uns übrigens zunächst (bis ca. 1952-53) an einer anderen Stelle mit unserer Wurstbude - und zwar Seltersweg, Ecke Plockstraße. Es gibt ein paar Fotos auf meiner Website aus dieser Anfangszeit:
 

[Link auf diese Website hier]

Doch als Herr Bach, der dieses Eckgrundstück besaß, neu bauen wollte (ein Porzellanwarengeschäft), mußten wir dort weichen und fanden neben dem Uhren-Balser einen neuen Platz. Einige Lagerarbeiter von Kerber halfen uns damals, abends, die Wurstbude auf Rundhölzern über den Seltersweg dorthin zu rollen .

Der Uhren-Balser hatte übrigens in den 50er Jahren  - vermutlich auch in den 60ern - eine große erleuchtete Uhr über seinem Laden hängen. Die schlug alle Viertelstunde den Westminster-Ton an.

Natürlich könnte ich noch einiges mehr erzählen, ich will es aber hierbei bewenden lassen.


Nochmals vielen Dank für Ihre freundliche Zuschrift,
vielleicht bis Wieder Mal
grüßt Sie freundlich

Manfred Aulbach
 

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Hier kommen nun einige meiner Fotos von unserem Wurstbudchen vom Sommerschlußverkauf 1954 - sie sind meiner Ansicht nach interessante Dokumente dieser Zeit.

 

Im Hintergrund herrscht Hochbetrieb am Stand von Hockels. Heinz Hockel hatte öfters Gastbetreiber, die interessante Artikel anboten. Was weiß ich, die Wunderpflanze aus der Wüste, die alles heilt, dazu Gläser mit Bandwürmern, ein Bündel von Dankesbriefen u.dergl. Diese Händler konnten spannende Vorträge halten, bis die Leute bereit waren, ihr Portemonnaie zu zücken, und ordentlich Zaster auf den Tisch zu blättern. Später zählten die schlauen Händler ihre Geldscheine hinter unserer Wurstbude.

 

54-05-0007-SSV-Mutti vorne-1-560

 

 

 

 

 

Bei Hochbetrieb wurden auch außerhalb des Budchens Würstchen verkauft. Man sieht meine Mutter, wie sie gerade ein Würstchen mit Brötchen rüber reicht. - Rechts sieht man den Seltersweg Richtung ‘Zigarren-Möser’ und Selterstor

 

54-05-0008-SSV-Mutti vorne-2-560

 

 

 

 

 

Mutti mit ihrem ‘Holzschwengel’, mit dem man die Würstchen aus der Pfanne holte oder sie wendete. Links vom Bräter, in der eingepackten Flasche, ist Öl zum Braten, rechts unter dem Küchenhandtuch, im Körbchen, sind Brötchen.

 

54-05-0010-SSV-Mutti vorne-3-560

 

 

 

 

 

In der Bude selber sieht man Tante Gretel, die Schwester meiner Mutter, sie half manchmal aus. Rechts hinter meiner Mutter ist ein Geselle der Bäckerei Plaier aus der Licher Straße, er bringt einen Sack voll Brötchen. - Man beachte auch das (das leider nur halbe) Reklameschild von “Ihring Melchior Bier”. Damals hatten Bierflaschen grundsätzlich keine Kronkorken, sondern Bügel-Verschlüsse.

 

54-05-0020-Mutti außen, Gretel innen-560

 

 

 

 

 

54-05-0023-Gretel innen, Mutti außen, hinten Klapettek-560

 

Wenn man scharf hinschaut, erkennt man ganz hinten das Reklameschild vom ‘Klapettek’, mit seinem von ihm selber erfundenden und zusammengeschweißten Kinder-Auto. Er hatte dort hinten eine entsprechende Werkstatt mit Schweißgeräten und zwei Gesellen.

 

54-05-0023-Ausschnitt- Klapettek-560

 

 

 

 

 

Szene hinter dem Wurstbudchen zum WSV 1954. Ganz rechts ist die Hauswand vom “Uhren Balser”. Davor, also zwischen Wurstbude und Hauswand, befindet sich das Budchen von Willy Wystrup (und seiner Frau). Dort wurden Südfrüchte und Obst verkauft.

 

54-05-0024-WSV-Hinterm Budchen-560

 

 

 

 

 

Blick vom Wurstbudchen auf den Seltersweg - 1954 - offenbar an einem weniger belebten, sozusagen normalen Tag:

 

54-05-0009-Seltersweg mit Meid und Geisse-560